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Reisen Albrecht Schreiner fährt mit seinem Motorrad bis nach Belgrad
Spenge. Mit dem Motorrad hatte Albrecht Schreiner 15.000 Kilometer von Spenge bis in den Iran fahren wollen (die NW berichtete). Sechs Monate wollte er unterwegs sein - daraus wurden letztlich vier Wochen. Seine Reise hatte er aus ganz profanen Gründen abbrechen müssen. Was er auf seiner Tour erlebt hat, darüber berichtet Albrecht Schreiner.
Als ich Mitte April in Spenge losfahre, ist es sieben Grad kalt. Ab dem Fichtelgebirge regnet es bis Prag. Ich bin so durchgefroren, dass ich darauf verzichte, mein Zelt aufzubauen und mir eine warme Pension suche. Das Zimmer ist so breit wie mein Bett. Mein Gepäck lasse ich auf dem Flur. Schwülwarm ist es auf der Durchfahrt Tschechiens und im Osten der Slowakei. Auf der ungarischen Seite, kurz vor Gyor, verdunkelt sich der Himmel und ich kann meine Honda wegen eines plötzlich aufkommenden Sturms kaum auf der Fahrbahn halten. Unter einer Autobahnbrücke baue ich mein Zelt neben dem Fluss Raba auf. Hier bin ich geschützt und habe das "Badezimmer" gleich nebenan. Am nächsten Morgen bin ich frisch. Nur ein Körperteil macht mir zu schaffen: mein Po. Bei meiner Planung für die Reise stand eine gebrauchte Intruder, Shadow oder VN 1600 zur Auswahl. Einfach deshalb, weil ich schon solche Maschinen hatte und ich diese als pofreundliche Reisemaschinen schätze. Fachleute rieten mir aber davon ab. Für eine Tour, wie ich sie vorhabe, käme nur eine Straßenenduro in Frage, hieß es. Jetzt bin ich mit einer solchen Maschine unterwegs und habe trotzdem schon nach 1.500 Kilometern einen kaputten Hintern. Um meinen Motorradsitz in einen bequemeren umbauen zu lassen, habe ich schon alles versucht. Man war auch sehr hilfsbereit, letztlich konnte man an dem Sitz aber nichts ändern.<br><br>Ich schätze mich darum glücklich, meinen malträtierten Po einige Tage lang im Haus meiner Tangofreundin Edith am Balaton schonen zu können. Wieder auf der Straße fahre ich nach Südosten weiter in Richtung Kaposvar. Die Stadt liegt zwischen dem Balaton und dem Mecek-Gebirge. Sie ist für ihre Eichenwälder und den vorzüglichen Schweinespeck bekannt. Um meine Sitzposition etwas erträglicher zu gestalten, besorge ich mir in einem Möbelhaus das Rückenpolster einer Sitzgarnitur. Da sich das Polster aber schon nach den ersten 100 Kilometern platt sitzt, lasse ich dieses in einer Schneiderei halbieren und auch den Füllstoff des abgeschnittenen Teiles in die andere, jetzt neu fabrizierte Hälfte, füllen. Den Nachmittag verbringe ich in dem 50.000 Hektar großen Donau-Dura-Nationalpark. Hier sehe ich meinen ersten Seeadler. Als ich auf dem Grünstreifen eines kroatischen Autobahnrastplatzes mein Zelt aufbaue und meine Brotzeit auspacke, werde ich von türkischen Truckern angesprochen und eingeladen, bei ihnen mitzuessen. Ich werde nach dem woher und wohin gefragt und keiner versteht, dass mir diese Art der Fortbewegung Spaß macht. Als jeder der sechs Trucker einen Zehn-Euro-Schein in eine Baseballkappe legt, fühle ich mich auch genötigt. Hier wird also nachträglich für das Essen zusammengelegt. Als ich meinen Beitrag leiste, lachen alle auf und drücken mir die Geldkappe in die Hand. Ich werde genötigt, die 60 Euro zu nehmen, um - wie die Trucker meinen - mal in einem richtigen Hotel schlafen zu können.<br><br>Über kleinere Landstraßen durchfahre ich später Ostkroatien und überquere die serbische Grenze bei Backa Palanka. Als ich in Belgrad, der Hauptstadt Serbiens, ankomme, sind meine Schmerzen so groß, dass ich ein Krankenhaus aufsuche. "Sie brauchen Medizin und dann eine Pause von drei oder vier Wochen. Dann wird es ihnen besser gehen." Die vernichtenden Worte des Arztes bedeuten für mich das Ende meiner Reise.<br><br>In einem Billighotel finde ich Unterkunft. Das Motorrad ist im Hinterhof sicher. Eine Zugfahrt zurück kostet im Liegewagen 250 Euro. Das ist ok, aber das Motorrad wird mit der Bahn nicht transportiert. Die Speditionskosten hierfür belaufen sich auf unglaubliche 1.000 Euro. Am übernächsten Tag fahre ich in einem Rutsch von Belgrad nach Chemnitz. Am nächsten Mittag bin ich nach vier Wochen wieder in Spenge. Die Rückfahrt ist ein "Höllenritt".<br><br>Bei meinen Vorbereitungen habe ich von der organisatorischen Seite an alles gedacht. Ich wäre nie darauf gekommen, dass mein Körper, vielmehr ein bestimmtes Körperteil, streiken würde. Den Sommer verbringe ich jetzt in unserem Garten in der Hängematte. Das Motorrad wird verkauft. Interessenten können sich bei mir melden unter doppelaschreiner@yahoo.de. Wenn alles klappt, werde ich im nächsten Jahr mit einer pofreundlicheren Maschine die Tour da fortsetzen, wo ich sie abgebrochen habe.
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von admin
16.05.2008 um 01:01:05
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